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Gedanken zur Lehrerstudie vom Institut für Demoskopie Allensbach vom 26. 03. 2009

15.07.2009 – Meine Meinung:
Gedanken zur Lehrerstudie vom Institut für Demoskopie Allensbach vom 26. 03. 2009

Im Großen und Ganzen finde ich die Ergebnisse der Untersuchung in meiner persönlichen Berufserfahrungen wieder und halte sie deshalb für eine zutreffende Beschreibung unserer Lehrerschaft, ihrer Kompetenzen und Probleme und ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Einschränkend ist anzumerken, dass ich mich bei dieser Einschätzung auf den mir bekannten Bereich der Grund- Haupt- und Realschule begrenzt habe. Durch viele Kontakte und durch meine Arbeit im DLH meine ich jedoch sagen zu dürfen, dass das Bild in anderen Bereichen, wie zum Beispiel dem der Gymnasialkollegen, ähnlich aussieht. Das belegen auch die Äußerungen des Bundesvorsitzenden des Philologenverbandes zur Studie.
Die Studie zeigt, dass sehr viel getan werden muss, damit Lehrer besser mit ihren Aufgaben fertig werden und dadurch auch häufiger glücklich in ihrem schönen Beruf sind. Doch die Details hierzu am Schluss dieser Überlegungen. Zunächst ist es mir wichtig, das berufliche Umfeld mit seinen zum Teil völlig unnötigen Belastungen für die Berufsausübung zu beleuchten, weil es, davon bin ich überzeugt, wesentlich zu den Ergebnissen der Studie beigetragen hat.

Hier möchte ich die folgenden Punkte nennen:

1. Das Ansehen der Lehrer in der Öffentlichkeit ist von der Politik beschädigt worden. Man muss dabei nicht nur an die ?faulen Säcke? des vorigen Bundeskanzlers denken. Lehrer haben selten das Gefühl, dass sich ihr Dienstherr bei Schwierigkeiten vor sie stellt. Das bedeutet, dass ggf. trotzdem intern Tacheles geredet werden soll und muss.
Die Bildungsbehörden sind in den letzten 40 Jahren immer wieder der Versuchung erlegen, sich an Neiddebatten über unsere zugegebener Maßen gut bezahlte, aber auch hoch qualifizierte Berufsgruppe zu beteiligen.
Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch das Ergebnis der Studie, dass persönlich bekannte Lehrer deutlich besser beurteilt werden als Lehrer allgemein. Hier werden also Vorurteile repliziert.
2. Der Beamtenstatus sieht auch bei Lehrern, die in ihrem Beruf unglücklich und überfordert sind, (fast) keine Umsetzungs- oder Umschulungsmöglichkeiten vor. Solche Kollegen sollen nicht entlassen, oder aus dem Dienst entfernt werden, sondern müssen eine Betätigung finden können, die ihrer hohen Qualifikation entspricht. Sonst werden Ressourcen verschleudert. Zusammen mit dem nächsten Punkt, der realitätsfernen Ausbildung an der Universität, ist dieses eine problematische Gemengelage und Veränderung sind dringlich.
3. Die Ausbildung an der Universität bereitet den Lehramtskandidaten nicht auf die Erfordernisse seines Berufes vor. Erst wenn es zu spät ist, erkennt er, dass er nicht für den Beruf geeignet ist. Die wenigsten haben dann noch die Kraft für einen Neuanfang in einem anderen Beruf. Ich habe es nur einmal in 20 Jahren erlebt.
4. Lehrer wissen, wenn sie den Beruf ergreifen, dass sie voraussichtlich bis zum Ende ihrer Dienstzeit Lehrer bleiben werden. Es gibt zwar Aufstiegsmöglichkeiten und Beförderungen, sie sind jedoch die Ausnahme.
Ein Beispiel: Wir haben ca. 15.000 Lehrer in Hamburg und gut 400 Schulleiter; das sind knapp 3%.
Wer Lehrer wird, weiß das und deshalb wird an dieser Stelle schon eine Vorauslese auf bestimmte Wesensmerkmale vollzogen. Hinzu kommt, dass die Grundschullehrer, welche die pädagogisch wichtigste Arbeit leisten, in vielen Bundesländern am schlechtesten bezahlt werden und die geringsten Aufstiegsmöglichkeiten und das schlechteste Ansehen haben. Ein Mann in der Grundschule wird oft mit Verwunderung oder sogar abschätzend wahrgenommen.
5. Die Aufgaben der Lehrer haben sich in den letzten 40 Jahren drastisch erweitert und auf berufsfremde Gebiete ausgebreitet. Als Klassenlehrer einer Hauptschulklasse bin ich nicht nur Wissensvermittler und Erzieher, sondern auch Familien- und Sozialtherapeut und mein eigener Integrationsbeauftragter. Der drastisch erhöhte Verwaltungsaufwand kommt hinzu. Die Bildungsbehörden haben dem kaum Rechnung getragen.
6. Ich habe trotzdem, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, durchweg hoch motivierte Kollegen erlebt, die sich nicht schonen, sondern im Gegenteil oft zur Selbstausbeutung neigen, weil sie die pädagogische Kernarbeit nicht liegen lassen wollen und können. Da galt es manchmal eher zu bremsen als zu ermuntern.
7. Die Kehrseite ist darin zu sehen, dass der Krankenstand der Hamburger Lehrer unter dem durchschnittlichen Krankenstand der Hamburger Beamten liegt, die Rate der Frühpensionierung jedoch deutlich höher.


Was muss sich meiner Meinung nach ändern:

1. Die Lehrerausbildung muss praxisnäher werden und sie muss dem Studienanfänger Gelegenheit geben, mit Anleitung und Hilfe durch seine Professoren, seine Eignung für den Lehrerberuf (selbst-)kritisch zu reflektieren und zu erproben. Hier sind erste Veränderungen auf dem Weg, finden aber ihre Grenzen rasch in der Personalsituation an den Hochschulen.
2. Die Lehrerausbildung für die verschiedenen Schulbereiche muss nicht gleich, aber gleichwertig sein! Das ist eine zentrale Forderung unseres Bundesverbandes, des vbe. Da ist noch viel zu tun und es wird leider viel zu wenig getan. Dieser wichtige Aspekt droht im Augenblick in der Diskussion um den Bolognaprozess unterzugehen. (Braucht man nur 2600 oder 3000 credit-points, ist man schon als Bachelor ein Billig-Lehrer?)
3. Alle Lehrer brauchen mehr Aufstiegsmöglichkeiten, auch die Grundschullehrer. Wir haben über Jahrzehnte Einzelkämpfer in der Schulleitung im GHR-Bereich gehabt; eine mittlere Leitungsebene gibt es nicht. Das ist in anderen Bereichen etwas besser, gleichwohl muss sich u. a. auch durch Beförderungs- Zulagen- und Qualifizierungsmodelle Entscheidendes ändern.
4. Am anderen Ende gilt: Wenn ein Kollege unglücklich, weil ungeeignet für die Anforderungen des Berufes, ist, muss er die Möglichkeit haben, an anderer Stelle qualifiziert und sinnvoll tätig zu werden. Der Dienstherr muss hier weitergehende Rechte haben als bisher. Die bisherigen Ansätze sind unzureichend; es bedarf wohl letztlich einer mutigen Änderung des Beamtengesetzes.
5. Die Bildungsbehörden müssen sich stärker als bisher vor ihr Personal stellen und in der Öffentlichkeit die Wertschätzung der Lehrer sichtbar werden lassen.
6. Dazu gehört auch, die Schulen und die Lehrer nicht mit immer neuen Aufgaben zu überschütten, sondern die schon bestehende Aufgabenflut wertschätzend zu benennen und darum bemüht zu sein, Aufgaben, die nicht das pädagogische Kerngeschäft betreffen, abzubauen. In diesem Zusammenhang ist die dringende Reform des Lehrer-Arbeitszeitmodells (AZM) anzumahnen. Das bisherige AZM ist kontraproduktiv für das Engagement der Lehrkräfte!
7. Abschließend sei ein gesamtgesellschaftlicher Aspekt betont, mit dem ebenfalls anders umgegangen werden muss als bisher:
Schule erzeugt nicht die Widersprüche in unserer Gesellschaft, sie bildet sie lediglich ab. Deshalb kann die Schule diese Probleme nicht lösen und es ist nicht angemessen, so zu tun, als ob sie das könnte. Angemessen ausgestattet, kann die Schule bei der Verringerung dieser Probleme helfen. Wenn diese Überfrachtung beendet wird und das bisher Gesagte generell mehr Berücksichtigung findet, kann der Lehrerberuf für eine größere Klientel attraktiver werden.
Das ist dringlich, denn wir brauchen bis 2015 und darüber hinaus mehr Lehrer (Klemm-Gutachten!) als zurzeit ausgebildet werden. Die BSB nimmt diesen Tatbestand noch auf die leichte Schulter, weil auch er nicht zu den hochfliegenden Reformplänen passt. Geschieht jedoch wieder nichts oder viel zu wenig, obwohl Hektik und Belastung steigen, sind die Folgen für die Berufszufriedenheit und für die nachwachsende Lehrergeneration abzusehen.

Kurt Möller, 10.07.2009



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