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Zur Primarschulreform von Karin Prien und Dr. Reinhanrd Behrens

27.04.2009 – Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Anbei die Stellungnahme von Karin Prien und Dr. Reinhard Behrens. Sie gibt eine Übersicht über die Probleme der Primarschulreform und zeigt darüber hinaus Auswege aus dem aktuellen Dilemma auf. Deshalb ist es wichtig, dass sie ihren Platz auf unserer Homepage findet, auch wenn wesentliche Punkte bereits in dem Artikel „Ansichtssache“ im HA vom 17. 04. 2009 veröffentlicht wurden.

Dieter Semprich


Zwischenbilanz nach einem Jahr schwarz-grüner Schulpolitik

Natürlich kann man der Schulsenatorin Christa Goetsch nur zustimmen, wenn sie feststellt „Diese Stadt braucht alle Talente“, und sicher kann sie sich Mehrheiten gewinnen, wenn sie zusagt, die Zahl der Schüler ohne oder mit sehr schwachem Schulabschluss und die Bindung des Misserfolgens an die soziale Herkunft zu mindern – denn das wollen wir alle. Gut möglich, dass eine Mehrheit in der Stadt – und in der Bürgerschaft – solche Bekenntnisse liebt und sich lieber mit Demoskopie („Sechzig Prozent sind für die Primarschule“) als mit komplizierten Sachfragen beschäftigen möchte. Dennoch müssen Experten zu Risiken und Nebenwirkungen befragt werden dürfen.

Sicher ist: Die pädagogische Wissenschaft gibt keine Gütesiegel oder gar Ratschläge für konkrete Maßnahmen für den Hamburger Umbau, anerkannte Professoren der Pädagogik erklären, dass die Forschung keine Belege für die Primarschule als nachweislich sichereres Mittel für bessere Schulerfolge Benachteiligter bietet, weder Manfred Prenzel, deutscher PISA-Koordinator am 17.12.2008, noch Klaus-Jürgen Tillmann („Hamburg ist schulpolitisch singulär und mutig“) am 31.03.2009, sie waren jeweils eingeladen vom LI, dem schulbehördlichen Institut für Lehrerbildung und Schulentwicklung. Prof. Heinz-Elmar Tenorth, eingeladen von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, erklärte am 06.04.2009, dass, wer vom Gymnasium oben ein Jahr und unten zwei Jahre abschneidet, von der normsetzenden Rolle dieser Schulform und des Abiturs nichts verstanden hat – und er lobte den Hamburger Plan der zwei Säulen mit verschieden schnellen Wegen zum Abitur nach Klasse 4 im Sinne der Hamburger Enquete-Kommission von 2006/7. Die gegenwärtige Reform, in ihrer Hast ohne Beispiel, sei nicht eine Frage von Pädagogik, sondern von Macht.

So bekennt sich der Bürgermeister zur Primarschule, sagt aber immerhin, dass der Teufel im Detail stecke. Der von ihm vorausgesagte Schulfriede ist noch nicht in Sicht.

Für das, was zugesagt worden ist, fehlen dennoch in der Praxis Zeit und Geld, und Vieles kann nicht funktionieren, da Widersprüchliches gleichzeitig versprochen wird. Hier einige Details mit Teufeln darin:

Der große Verlierer der Primarschulreform im Doppelhaushalt 2009/10 der Stadt ist die in großer Einstimmigkeit geforderte frühe Förderung kulturell oder sprachlich benachteiligter Kinder von und im Kita-Alter. Die Mittel, die die Behörde für Soziales und Familie den Kitas für Sprachförderung gibt, sollen von 2,467 Mio. € auf 2,865 Mio. € in 2010 steigen; der Zuwachs ist wenig höher als der aktuelle Sonder-PR-Etat der Schulbehörde. Für die notwendige gezielte Aus- und Weiterbildung für Erzieherinnen gibt es kein Geld. Die sozial bestimmten erheblichen Unterschiede im Sprach- und Wissenstand der Kinder beim Eintritt in die Grundschule werden also fortbestehen, zwei zusätzliche gemeinsame Jahre setzen zu spät an. Hier wird ein zweiter Schritt vor dem ersten gemacht.

Seit zehn Jahren haben die weiterführenden Schulen ihre Schulprogramme mit besonderen Profilen entwickelt, (zwei-)sprachliche, sportliche, musische. Die Reform verspricht, dass hierfür auch in den Primarschulen durch Fachlehrer aus den betreffenden Schulen vorgearbeitet werden kann. Das kann nicht gehen. Hier ein besonders klares Beispiel: Ein altsprachliches Gymnasium mit knapp 120 Anmeldungen erhält 40% seiner Anmeldungen von ca. 11. Grundschulen, also etwa 5 Kinder pro Grundschule, die restlichen 60 %, also etwa 70 Kinder, aus 20 anderen Grundschulen, also etwa 3 – 4 Kinder pro Grundschule. So kleine Kurse an jeder Primarschule werden weder finanzierbar noch organisierbar sein. Wenn dieses Modell durchgesetzt wird, werden wir uns von den überregional nachgefragten und weit über Hamburg hinaus bekannten humanistischen und musischen Gymnasien verabschieden müssen – auch als Standortfaktor für Hamburg als qualitativ wachsende Stadt.

„Kein Problem!“, so die behördliche Entgegnung zu diesem Beispiel, „wir richten regional an einigen Primarschulen Lateinkurse ein.“ Dies bedeutet allerdings ein Abgehen von der Regel der kurzen Wege für die kurzen Beine; Eltern müssten sich für besondere Profile und weitere Wege schon vor der 1. Klasse und vor jeder schulischen Erprobung entscheiden. Dieses Dilemma ist an sich nicht lösbar.

Aber für engagierte Eltern wird die Lösung in einem Schulwechsel nach der dritten Klasse in die Unterstufe einer anderen Primarschule liegen. Das gemeinsame Lernen, schon durch die jahrgangsübergreifenden ersten Klassen der Primarschule umgerührt, wird unterbrochen, es wird Wanderungsbewegungen über alle Grenzen der Regionalen Schulentwicklungskonferenzen hinweg geben, denn an dieser Stelle können Eltern noch ein Wahlrecht ausüben. Streit wird es geben darum, ob weiter entfernt wohnende Schüler aufgenommen werden müssen, wenn auch näher wohnende Kinder ohne Profilvorbereitung einen Platz wünschen.

Primarschule wird so ganz anders als Grundschule, das werden deren mit Recht besser bezahlte Leitungen schmerzhaft merken. Die Frage nach der angestrebten Schulform wird sich heftig in Klasse 3 stellen. Die Eltern werden auch nach den – bisher nicht geplanten – Bewertungen der Lernstände in Noten fragen. Wirklich kompliziert wird die Organisation der Primarschulen in der Unterstufe der Klassen 4 – 6, oft an einem anderen Standort, wenn ein- oder auspendelnde Lehrer eingebaut werden müssen in einen Stundenplan, der mit mehreren Nachbarschulen koordiniert werden muss. Viel pädagogische Freiheit geht da verloren.

Die 22 recht kleinen Bezirke der RSKen entwickeln einen verständlichen Egoismus und blicken auf ihre Quartiere; überregionale Profile entfernter besonderer Schulen interessieren sie bei ihren Planungen weniger. Die „Denke“ der Reform ist gewollt lokal. Auch die künftigen Primarschulen fragen sich selbstbewusst, ob sie denn Zulieferer für fernere Schulen sein sollen und ob so viel Fachlichkeit ihrer Tradition entspricht. Die RSKen werden und können die „Kundenströme“ nicht voraussehen. Wenn Volkes Wille nicht passt, wird die Behörde heftig gegensteuern – das zeichnet sich schon ab.

Insbesondere werden die RSKen kaum die Übergangsquote in die Gymnasien für ihren Bereich planen können, wir haben noch die törichten 30% als Hamburger Durchschnitt aus dem Munde eines Behördenvertreters im Ohr. Angesichts der unklaren Versetzungskriterien wird diese Quote wunderbar politisch steuerbar sein. Und anfangs wird sie hoch geschraubt werden, denn so ließe sich die gute Arbeit der Primarschulen belegen – und mehr Gymnasiasten als die billigsten Schüler sparen auch mehr Geld – und (für manche hinter vorgehaltener Hand) die harsche Paukerei wird dem Image schaden.

Ein bisher unbeachtetes Dilemma ist das der zweiten Fremdsprache. Da jeder Sechstklässler mit Gymnasialversetzung jedes Gymnasium besuchen dürfen soll, darf dabei die ab Klasse 5 gewählte zweite Fremdsprache keine Rolle spielen. Deshalb soll sie mit Ende Klasse 6 abgewählt werden können, in Klasse 7 z.B. eines Gymnasiums kann eine neue zweite Fremdsprache aufgenommen werden. Ergebnis: in den Klassen 5 und 6 werden viele Schüler die zweite Sprach zur Probe aufnehmen, und wenn es schwierig wird, kann man ja abwählen und hat einen neuen Start. Die weiterführenden Schulen werden die zweite Sprache auf zwei Niveaus anbieten müssen. Die einen lernen Französisch dann in 5 Jahren bis Ende Klasse 9, die anderen sollen denselben Stand in drei Jahren erreichen.

Das von der CDU zugesagte Weiterbestehen (fast) aller Gymnasien als Standorte und in ihrer Substanz ist eine Illusion. 2010/11, werden sie den Jahrgang 13 und gleichzeitig die Klasse 5 und 6 verlieren, also ein Drittel der Schülerschaft und der Lehrer, folglich stünde ein Drittel der Räume leer. Der ruckartig anfallende Raumbedarf der Primarschulen 20011/12 werden nicht gebaut werden können. Deshalb wird die Parole für die Gymnasien sein „Aus drei mach zwei!“ – ein Abbau eines Drittels der Gymnasien, etwa 20. Wer das vermeiden will (will wer?) müsste den weiterführenden Schulen nicht nur eine Mindest- sondern auch eine Höchstzahl von Eingangsklassen vorschreiben – und zur Erhaltung der Profile auch ein Recht aller weiterführenden Schulen, bestimmte Vorbildungen aus der Primarschule zu verlangen.

Gerade die verkürzten Gymnasien müssten sich auf gesicherte Kenntnisse und Fähigkeiten in allen Fächern bei den auf sie versetzten Schülern verlassen können. Das wird eine Illusion, die Behörde will Binnendifferenzierung in alle Fächern, ein individualisierter Unterricht auf zwei sehr unterschiedlichen Niveaus, der bisher auch bei den Gesamtschulen noch nicht in der Breite sicher funktioniert hat und für den alle Fachlehrer im Schnellkurs ausgebildet werden sollen. Dabei geht es nicht nur um die „Hauptfächer“ Deutsch, Englisch und Mathematik, sondern um alle Fächer an der Primarschule, auch neu zu schaffende wie „Gesellschaft“ (verbindet Erdkunde und Geschichte), für die es noch keine Lehrpläne gibt. Zu vermuten: Die antike Geschichte wird den Gymnasien verloren gehen. In Klasse 7 würde so - in deutlich größeren Klassen - am Gymnasium erst einmal Integration, Förderung angesagt sein, danach heftiges Pauken in den Klassen 8 bis zur ersten Hälfte 10, danach fängt die Orientierung für die Profiloberstufe an.

Buchstäblich jeder Lehrer wird arbeiten müssen in der ganz neuen Form der Individualisierung von Unterricht mit neuen Richtlinien und Bildungsplänen, neuen Bewertungsverfahren (Lernberichte, Noten, Punkte, Raster?), oft pendelnd an mehreren Schulen. – alles das gibt es noch nicht. Die Reibungsverluste werden unvermeidlich und riesig werden. Schon jetzt fühlen sich viele Lehrkräfte verheizt. Sicher ist, dass die wünschenswerten vielen Elterngespräche, der Abschluss und die Überprüfung von Lernvereinbarungen, die Pendelzeiten zwischen den Schulen, die laufenden zusätzlichen Fortbildungen (30 Jahresstunden reichen nicht) eine gründliche Anpassung der Lehrerarbeitszeiten erfordern werden. Ein niedrig angesetzter Mehraufwand von 3% ergäbe bei ca. 10.000 Planstellen im allgemeinbildenden Bereich allein hierfür 300 zusätzlich notwendige Planstellen.

Die Bekundung guter Absichten ohne genug Zeit für die Planung und Überzeugung aller Betroffenen, ohne genug Geld (dies vor der Mai-Steuerschätzung) und ohne die Ehrlichkeit zu sagen, was alles wegfällt, macht wenig Sinn. Zu einer großen Reform gehört auch eine große Ehrlichkeit.

Was tun? Die Alternative in Hamburg: Augen zu und durch! oder ein angesichts der Finanzlage nach zu verhandelnder Kompromiss, und davon gibt es sicher zwei Fassungen:

1.
Es gibt den großen Kompromiss: Von dem schwarz-grünen Projekt nehmen wir die frühe Förderung (jetzt auch mit mehr Geld), die Senkung der Klassenfrequenzen und die große Fortbildungsoffensive für die Lehrer auf, denn schon jetzt sind die Klassen aller Schulformen hinreichend heterogen. Erst einmal beginnen die beiden Wege in Stadtteilschule und Gymnasium mit Klasse 5, und nach 8 – 10 Jahren sehen wir die Ergebnisse und prüfen die Verlängerung der Grundschule zur Primarschule.

2.
Es gibt den kleinen Kompromiss: Bei geplanter besserer Ausstattung wird der Ablauf in der Zeit noch einmal um ein bis zwei Jahre gestreckt für den planerischen und baulichen Vorlauf. Primarschulen laufen oft an mehreren Standorten, ein dichtes Netz von Grundstufen (Kl. 0/1 – 3) bleibt erhalten, die Unterstufen arbeiten gezielt in räumlicher Nähe mit weiterführenden Schulen zusammen und bereiten auf diese vor. Der Wechsel der Primarschule zwischen den Stufen nach Klasse 3 wird organisatorisch erleichtert und mit Beratung begleitet. Funktionierende Langformen (z.B. bei gegenwärtigen Gesamtschulen) bleiben faktisch erhalten – der Schwerpunkt „Frühe Förderung“ bleibt vermutlich aus Geldmangel auf der Strecke.

16.04.2009

Karin Prien, Dr. Reinhard Behrens


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